Mobilität und Bankraub
Es war wohl der spektakulärste Bankraub der 90er Jahre in Los Angeles: Am Vormittag des 28. Februar 1997 überfielen zwei bis an die Zähne bewaffnete Männer die Filiale der Bank of America in einem Mittelklasse-Viertel im Norden Hollywoods. Doch weit kamen sie mit ihrer Beute nicht. Als sie die Bank verließen, war das Gebäude bereits von Polizei umstellt, die Räuber konnten sich gerade noch hinter ihrem Fluchtfahrzeug verschanzen. Dann begann ein Feuergefecht, das live und in fast voller Länge von News-Helikoptern, die normalerweise zur Verkehrsberichterstattung über der Stadt kreisen, im lokalen Fernsehen übertragen wurde. Die beiden Räuber verfügten zwar über automatische Waffen, die denen der Polizei weit überlegen waren, und trugen kugelsichere Westen; doch nach einem fast einstündigen Schußwechsel mit der Übermacht der rund 200 Polizisten, wurde der erste Räuber tödlich am Kopf getroffen. Sein Kollege bestieg daraufhin den Fluchtwagen, wurde aber schon nach wenigen Metern niedergestreckt, als er auf einen braunen Pickup-Laster überwechseln wollte, und verblutete schließlich in Polizeigewalt (Reed, 1999, S. 16f).
Wenn dieser Raub paradigmatisch für eine aktuelle Generation von Banküberfällen ist, dann scheinen diese vor allem von einem gravierenden Problem geprägt zu sein: die Flucht vom Tatort scheint kaum mehr möglich, Fluchtweg und Fluchtlinie wirken in einem Maße verstellt, daß sich auch die glamouröse Dreifaltigkeit von Banküberfall, Automobil und Spielfilm in einer konzeptionellen Krise befindet. Bargeld im Überfluß, individuelle Mobilität und die mediale Verfielfältigung solcher Wunschproduktion im Genre Gangsterfilm sind in der breiernen, postmodernen Wirklichkeit der Kontrollgesellschaft Platzhalter blanker Verzweiflung, kalkulierten Irrsinns oder bloßer Nostalgie.
Los Angeles ist nicht nur die Hauptstadt der Film- und Unterhaltungsindustrie, sondern auch die Hauptstadt des Bankraubs. Anfang der 90er Jahre erlebte die kalifornische Riesenstadt durchschnittlich vier Banküberfälle pro Tag. Einer der Gründe dürfte das unübersichtliche Gewirr der Highways und Freeways sein, das die Verfolgung der fliehenden Bankräuber vermeintlich erschwert. (Steel, 1995, S. 28) 1997, nach der spektakulären Schießerei im Norden Hollywoods, nur ein paar Hundert Meter von den großen Studios entfernt, verdoppelte sich die Überfall-Quote gar US-weit. Besorgte Kolumnisten machten in bewährter Manier eine Reihe neuerer Hollywood-Produktionen zum Thema Bankraub dafür verantwortlich: Einer der erschossenen Bankräuber habe sich vor dem Überfall wiederholt das De Niro/Al Pacino Drama "Heat" angesehen (Gwynne/Hylton, 1997). Tatsächlich aber dürfte die Live-Übertragung des Überfalls im Reality-TV wesentlich aufschlußreicher sein. Wie bei der vereitelten Flucht O.J. Simpsons 1994 in Richtung mexikanische Grenze, nehmen - neben oder sogar noch vor der Polizei - Kamerateams der lokalen TV-Stationen in Helikoptern die Verfolgung auf und mobilisieren mit ihren Live-Berichten Hunderte von Schaulustigen. Das mit der Flucht beabsichtigte Untertauchen in der Anonymität wirkt angesichts einer solchen Situation wie ein völlig aussichtsloses Unterfangen.
Die große Zeit des Bankraubes scheint vor diesem Hintergrund unwiederbringlich verloren. Nicht zufällig fiel die Hochkonjunktur der Überfälle auf Geldinstitute zusammen mit der Generalmobilmachung der modernen Gesellschaft; denn der entscheidende Faktor in der zweigeteilten Dramaturgie des klassischen Bankraubs ist die geeignete Fluchtmöglichkeit: Nach dem wie auch immer erzwungenen Aushändigen des Geldes und mit dem Verlassen des Bankgebäudes müssen die Bankräuber so schnell wie möglich einen Vorsprung herausarbeiten, der erst die Voraussetzung dafür darstellt, die erbeuteten Barmittel auch genießen zu können.
So läutete die Entwicklung der ersten Automobile die Blütezeit einer frühen Generation von Bankräubern ein. Die beiden wohl bekanntesten Vertreter dieser Epoche, Bonnie Parker und Clyde Barrow, machten keinen Hehl daraus, wem sie den legendären Erfolg ihres knapp zweijährigen Beutezuges durch die Kleinstadtbanken des amerikanischen Südens zu verdanken hatten. Die beiden schätzten die Vorzüge ihres gestohlenen V-8 Ford Model A so sehr, daß Clyde Barrow dem Konzernchef in einem Brief versicherte: "Solange ich noch atme, möchte ich Ihnen sagen, was für ein großartiges Auto sie bauen. Ich fahre ausschließlich Ford, seit es mir einmal gelang, mit einem zu entkommen."
(Sullivan, 1992, S. 59) Der V-8 war die letzte, große Ingenieursleistung von Henry Ford: ein Automobil, das seiner Zeit um mindestens 20 Jahre voraus war und schlicht den amerikanischen Traumwagen verkörperte: geräumig, antriebsstark, mit weich gefedertem Motor und aufgrund der Massenproduktion erstmals für breitere Schichten erschwinglich. "Watch the Fords Go By" lautete 1934 der Werbeslogan der Automobilhersteller und so manche Bankangestellten dürften dies auch Bonnie und Clyde hinterhergerufen haben, wenn diese mit damals sagenhaften 140 Stundenkilometern auf Feldwegen davonrasten.
Der praktische Erfolg der Überfälle beruhte auf dem technologischen Vorsprung, den sich Bankräuber mit den Automobilen zu eigen machen konnten. Bis in die dreißiger Jahre wurden die automobilen Outlaws in den US "Highway Men" genannt, ein bewaffneter Banküberfall "Highway Robbery" (Helmer, 1988, S. 128). "Highwaymen" waren die Raubritter des Mittelalters, die sich das aristokratische Privileg, ein Pferd nicht nur als Nutztier, sondern auch als Verkehrsmittel zu benützen, aneigneten. So waren sie in der Lage, einschlägige Eigentumsdelikte zu begehen und sich rasch der anschließend drohenden Verfolgung zu entziehen. Die Bankräuber in den USA des 19. Jahrhunderts wurden in dieser Tradition begriffen: es handelte sich um berittene Banden, marodierende Überbleibsel aus dem Bürgerkrieg, die sich nach erfolgtem Überfall in ihre Verstecke zurückzogen und dort ein eigengesetzliches soziales Leben organisierten.
Der erste automobile Banküberfall datiert dann wohl auf den 20. November 1911: Die anarchistische Bonnot-Bande stahl in Paris einen Wagen, der als das beste Auto in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg galt: Das 1910er Modell der Limousine von Delaunay-Belleville. Das Kalkül war einfach: Niemand dürfte in der Lage sein, die Bankräuber einzuholen, wenn sie sich in die Flucht begaben. Der Überfall gelang, die Bande raste mit dem schnellen Auto davon - einzig die Beute war lächerlich: Ganze 5500 Francs, was auch damals nicht besonders viel war (Gyllenhak 1989).
Die langsame Verbreitung der Automobile nach dem ersten Weltkrieg führte zu einer Renaissance der Outlaws, vor allem in den Prohibitions- und Depressions-geplagten USA. Ende des 19. Jahrhunderts waren Überfälle bei Tageslicht zu einer riskanten Sache geworden: Von den Kommunen angeheuerte, private Sicherheitsdienste sagten den Banden den Kampf an und verfolgten die berittenen Outlaws über die Staatsgrenzen hinweg. Den nun motorisierten Banditen aber standen die Gesetzeshüter machtlos gegenüber: Mit traditionellen Polizeimethoden war den technologisch überlegenen und meist recht populären Verbrechern nicht beizukommen. Die Aufrüstung und Motorisierung des korrupten Polizeiapparates mit Motorrädern und Automobilen scheiterte oft schon an der Sparsamkeit der Kommunen. Erst mit Roosevelts "New Deal" und der Kriegserklärung gegen das organisierte Verbrechen sowie den zu "Public Enemies" hochstilisierten Bandenanführer fand der Staat eine Antwort auf die Bedrohung seines Gewaltmonopols durch die "Outlaws" (Helmer, 1988, S. 68f).
Derselbe Henry Ford, dem Clyde Barrow für sein Erfindertum so überschwenglich dankte, stand Anfang der 30er Jahre Pate für ein neues Verständnis von Gesellschaft: das Fabriksystem des Fordismus. Ford produzierte schon 1908 sein berühmtes Modell T nach einem Fließbandmodell, bei dem die einzelnen Fertigungsschritte und Produktionsabläufe sorgfältig untersucht und in einzelne Abschnitte eingeteilt wurden, um die industrielle Fertigung eines Produktes auf mathematische Art und Weise berechnen zu können. Das kapitalistische Kommando und seine disziplinierende Funktion sollten sich aber nicht nur auf den Arbeitstag beschränken, sondern auch weite Teile der Reproduktionssphäre unterwerfen. Resultat von ausgeklügelten Fertigungsprozessen bei höheren Löhnen, Sozialpartnerschaft und der Unterwerfung der sogenannten "Freizeit" unter das Wertgesetz und unter die Herrschaft der Unterhaltungsindustrie war die Schaffung einer massenhaften Binnennachfrage nach industriell hergestellten Konsumgütern und vor allem nach Automobilen.
Mit der Automobilisierung der Gesellschaft in der Nachkriegszeit verlor der motorisierte Bankräuber seine Avantgardestellung. Gleichzeitig war auch das Delikt des Bankraubs einer Verschiebung unterworfen. Konnten Bankräuber in den 20er und 30er Jahren noch auf verhältnismäßig lange Karrieren in einer der Lohnarbeit radikal entgegengesetzten Geldaneignungsform zurückblicken, führten die nicht gerade exorbitanten Erträge aus den Überfällen zu einer kontinuierlichen Praxis, dandyhafter Selbststilisierung und verschiedenen Formen kollektiver Organisierung, änderte sich dies mit dem Verlust der technologischen Überlegenheit schlagartig: Banküberfälle konnten nicht länger mit einem Rollen-Modell assoziiert werden, das auf eine Gegengesellschaft der Outlaws, ein Außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft referierte, sondern stehen auf einmal für kurzfristige Ausbruchsversuche aus dem kapitalistischen Alltagstrott, mehr oder weniger spontane Auflehnung und individuelle Verweigerung. So stellte das FBI in einer Untersuchung Mitte der 50er Jahre überrascht fest, daß inzwischen mehr als die Hälfte aller Banküberfälle von Einzeltätern verübt würden. 1961 wird dann resümiert, daß fachgerechte und von organisierten Gruppen durchgeführte Überfälle aus den Zeiten eines Dillingers endgültig der Vergangenheit angehörten.
Dieter Schubert zieht in seiner "Phänomenologie des Bankraubes" den Schluß, daß sich zu diesem Zeitpunkt auch eine Angleichung der Bedingungen in Europa und den USA vollzogen habe. Was vormals als "Ärmlichkeit" und "Phantasielosigkeit" des Bankraubes europäischer Provenienz galt, "stellt sich als Nüchternheit und Sachlickeit dar. Die Notwendigkeit des blitzartigen Auftauchens, der schnellen Durchführung, des geplanten Fluchtweges wird berücksichtigt; [...] was unter phantasielos vermerkt ist, erscheint im wesentlichen als zweckmäßig und für den Erfolg als effektvoll." (Schubert, 1972, S. 53f)
Die Flucht findet unter den Vorzeichen der von nun an herrschenden Waffengleicheit zunächst einmal unter gravierend erschwerten Bedingungen statt. Bankräuber tauchen urplötzlich aus der uniformen Masse der Gesellschaft auf und betreten die öffentliche Bühne eines bevölkerten Schalterraums. Die Banken haben sich des Privatkundengeschäftes angenommen und verfügen über ein weitverzweigtes Filialsystem, Bankgeschäfte sind längst kein Privileg der Reichen mehr. Doch kundenfreundlich heißt immer auch räuberfreundlich. In den Kassenschränken warten enorme Beträge, die in einer Art vorübergehender Verkehrung der Gewaltverhältnisse die Besitzer wechseln. Die Übergabe des Geldes hat in wenigen Minuten erfolgen, und so schnell, wie sie aufgetaucht sind, so schnell müssen die Bankräuber auch wieder verschwinden. Draußen wartet meist bei laufendem Motor ein bereitstehendes Fluchtfahrzeug: dieses Vehikel muß dann so rasch beschleunigt werden, daß der nunmehr rein zeitliche Vorsprung sich weiter vergrößert, etwaige Verfolger abgeschüttelt werden und die fliehenden Bankräuber wieder in der Anonymität der Masse untertauchen können. Entscheidend ist weniger, welche Wegstrecke in welcher Zeit zurückgelegt wird. Entscheidend ist der Grad der Beschleunigung. Auf ihrer Fluchtlinie werden die Bankräuber ein allerletztes Mal auffällig, bevor die Fluchtgeschwindigkeit zu einer Implosion der Subjekte, zu deren Unsichtbarwerdung und Verschwinden führt.
In der kriminologischen Untersuchung "Der Überfall auf Geldinstitute" aus dem Jahr 1975 heißt es folgerichtig: "Für den Bankräuber ist es von entscheidender Bedeutung, so schnell als möglich den Schauplatz seines Verbrechens zu verlassen, da mit jedem Augenblick die Gefahr einer Entdeckung des Raubes und eines danach folgenden Einschreitens wächst." (Császár, 1975, S. 97) Mit dem wachsenden Grad der Automobilisierung der Gesellschaft komme deswegen der Planung der Flucht immer größere Bedeutung zu. Waren die "Highwaymen" und Bankräuber-Banden der 20er und 30er Jahre noch hauptsächlich damit beschäftigt, eine detaillierte Arbeitsteilung für den eigentlichen Überfall auszuarbeiten, während die Flucht nach einem verhältnismäßig einfachem Schema von statten ging, hat sich diese Gewichtung nun verkehrt. Zum Gelingen der Flucht treffen Bankräuber schon vorab allerlei Vorsichtsmaßnahmen, die eine spätere Identifizierung erschweren sollen: Gestohlene Fluchtfahrzeuge, falsche oder manipulierte Nummernschilder, Doubletten. Schließlich muß nach gelungener Flucht das ursprüngliche Fahrzeug gewechselt und aus dem Verkehr gezogen werden. Je höher der Grad der Organisierung, desto intensiver werden vor dem Überfall mögliche Fluchtwege auskundschaftet.
Diente die Flucht der in der Regel mit ihrem bürgerlichen und sogar mit Spitznamen bekannten Banditen in den Anfängen der Geschichte des Bankraubes vor allem dazu, das unmittelbare Umfeld des Tatorts physikalisch zu verlassen, um sich der strafenden Gewalt zu entziehen, kommt der Flucht in den fordistischen Disziplinargesellschaften vor allem eine anonymisierende Funktion zu. Mit zunehmender Verkehrsdichte wächst die polizeiliche Überwachung der Verkehrsströme, mit der Reichweite der Medien dehnt sich auch der behördliche Fahndungsapparat aus. Die in den Banken eingerichteten Sicherheitsvorkehrungen können weniger die Identifizierung der Bankräuber ermöglichen, als dazu beitragen, die über die Aufklärung des Verbrechens vorentscheidende Wartezeit bis zum Eintreffen der Polizeikräfte immer weiter zu verkürzen. Videokameras und versteckter Alarm, Ringfahndung und Fahndungsfoto sind die Methoden einer Polizeiarbeit, die zumindest in den hochentwickelten kapitalistischen Regionen nicht auf eine präventive und in gewissem Sinne geradezu banal anmutende Befestigung der Bankgebäude, sondern auf Re-Identifizierung und Dingfestmachung post festum setzt.
Die Ergreifung der Täter ist ein Wettlauf mit der Zeit. Dieses sportive Moment dürfte einen Gutteil der Faszination ausmachen, die der Bankraub immerhin als ein Kardinaldelikt besitzt, das die Machtverhältnisse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft für die geringst mögliche Zeitspanne umkehrt. Aus der Mannschaftssportart wurde im Zuge der fortschreitenden Formierung und massenhaften Mobilisierung der Gesellschaft zwar tendenziell eine Individualsportart; nach wie vor aber zeichnete der Bankraub allegorisch verdichtet eine Fluchtlinie aus der Gesellschaft vor, die die Kino-Industrie in zahllosen Plot-Variationen aufgegriffen und vervielfältigt hat. Die Verfolgungsjagd auf die Delinquenten ist beherrschendes Motiv in der Realität wie im Spielfilmformat. Das Thema der Flucht heißt, beweglich werden und beweglich bleiben, um der Fabrik und dem Gefängnis, den einschließenden Milieus der Disziplinargesellschaft zu entkommen.
Einsatz und Verwendung von Fluchtfahrzeugen spiegelt dabei den Grad der Mobilität einer Gesellschaft und die Diversifizierung der vorherrschenden Verkehrsmittel. Entscheidende Kriterien für die Eignung eines Fluchtfahrzeuges sind Schnelligkeit und Wendigkeit und so kristallisieren sich aus der Masse der Automobilproduktion neben dem Ford V-8 noch weitere "Gangster-Autos" heraus. Der Citroën Traction Avant war bis in die 50er Jahre eines der populärsten Fluchtfahrzeuge in Europa: beliebt sowohl bei Resistance-Kämpfer wie auch bei Bankräubern. Firmengründer André Citroën war schon früh beeindruckt von den Produktionsmethoden Henri Fords und entwickelte 1934 einen Wagen mit selbsttragender Karosse und Frontantrieb, der seinen Verfolgern weit überlegen war.
Auch die in den 50er Jahren als die "schnellsten Gangster Deutschlands" bekannten "Jaeger-Korbmacher-Bande" bevorzugte den Traction Avant. Die Räuber frisierten den Wagen mit dem Ziel, immer höhere Fluchtgeschwindigkeiten zu erreichen. Ein anderes gern eingesetztes Gangster-Auto war der Opel Rekord, den findige Mechaniker bis auf acht Zylinder tunen konnten. Die Versicherung, in rasanten Verfolgungsjagden nicht eingeholt werden zu können, dürfte zumindest zum Teil auch Andreas Baders Vorliebe für ein Fluchtfahrzeug mit dem schönen Namen "Iso Rivolta" erklären. Auf den Einsatz des als "Ferrari fürs Volk" bekannten Sportwagen verzichtete die "Rote Armee Fraktion" allerdings ab dem Zeitpunkt, als mit wachsendem Fahndungsdruck die Anonymität der Akteure vorrangig wurde und im Straßenbild leicht auszumachende Fahrzeuge diesem Ziel eher hinderlich waren. Im Laufe der 70er und 80er Jahre lassen sich mit der fortschreitenden Nivellierung der Automobilproduktion keine speziellen Fluchtfahrzeuge mehr ausmachen. In der Regel dürfte es nun darauf angekommen sein, daß der Verbreitungsgrad des Wagens in einen brauchbaren Verhältnis zur Motorenleistung steht, was dann eben bei den meisten der herkömmlichen Fahrzeugtypen der Fall war.
Schlagzeilen macht der zwischenzeitlich zum Volkssport ausgeweitete Banküberfall nur noch, wenn entweder mit einer gescheiterten Flucht eine dramatische Zuspitzung erfolgt oder im Verlauf der Flucht originelle Momente ausgemacht werden können. Bankräubern gelingt es Medienberichten zufolge heutzutage auf einer Vielfalt von verschiedensten, individuellen Fortbewegungsmitteln zu entkommen: Skateboard, Rollschuhe, Krücken und Rollstühle, Damen- wie Herrenfahrräder. Zu Lande, zu Wasser und – in der Luft: Anfang 1997 zwang ein Bankräuber nach vorheriger Terminvereinbarung den Direktor eines Offenburger Geldinstitutes mit vorgehaltener Pistole zur Öffnung des Banktresors im Keller des mehrstöckigen Gebäudes. Anschließend zerrt er den Direktor auf das Dach des Bankhauses und verständigt per Mobiltelefon einen Komplizen, der kurz zuvor einen Hubschrauber entführt hatte. Weil sich in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Krankenhaus befindet, fiel die Helikopterlandung auf dem Flachdach niemandem auf. Die Bankräuber lassen die Geisel zurück und entschwinden unterhalb der Radarüberwachung in den Lüften, von wo aus sie wiederum per Handtelefon eine weitere Komplizin, die ein zweites Fluchtfahrzeug steuert, verständigen. Hubschrauber und Pilot werden zurückgelassen, die Polizei wird mit einem fingierten Anruf auf eine falsche Fährte gesetzt, und die Räuber fliehen in einem knallroten Geländewagen – offenbar aber ein zu auffälliges Fluchtfahrzeug, das von Passanten bemerkt wird, weil es stark beschleunigt wird und die Insassen sich hektisch umziehen. (Rienhardt, 1998, S. 54f). Wie in den meisten anderen Fällen, in denen der Fluchtweg nicht bis in die letzte Konsequenz durchdacht ist, steht die Verhaftung am Ende eines ansonsten laut Bildzeitung "filmreifen" Szenarios.
Die besondere Beziehung zwischen Banküberfall, Fluchtfahrzeug und Medienapparat funktioniert aber auch in umgekehrter Richtung, und die Koketterie mit dem Tabubruch Bankraub kann erstaunliche Formen annehmen: In der Schweiz, dem Stammland des Bankgewerbes, schaltete der Automobilkonzern Mazda nur zwei Tage nach dem größten Postraub aller Zeiten eine aufsehenerregende Anzeigenkampagne: "Liebe Posträuber, im Mazda E 2000 hätten sogar 70 Millionen Franken Platz gehabt." Das Inserat spielte auf die in den Augen vieler offenbar bedauerliche Tatsache an, daß die Räuber wegen des begrenzten Laderaumes ihres Fluchtfahrzeuges drei der acht Geldkisten ungeraubt zurücklassen mußten. Etwas weniger direkt versucht Renault in einem TV-Werbespot auf die besonderen Eigenschaften eines Kleintransporters aufmerksam zu machen. Weil der Wagen unvermuteter Weise über Seitentüren an jeder der beiden Fahrzeugseiten zu beladen ist, werfen die Bankräuber ihren Beutesack durch das Fluchtfahrzeug hindurch geradewegs in die Arme eines Bettlers. Der Neuartigkeit des Gefährtes ist die nachträgliche Rückbindung des Überfalls an das populäre Robin-Hood-Motiv zu verdanken: Den Reichen nehmen, um es den Armen zu geben.
Beispiele, die aber auch als Indikatoren für ein langsames Schwinden der Symbolkraft von Banküberfällen herhalten könnten. Mit der Krise des Fordismus ist auch der klassische Bankraub mit anschließender Fahrzeugflucht als soziales Paradedelikt in Gefahr oder zumindest im Begriff, zur Nostalgie zu verkommen. Neuartige und erweiterte Kontrolltechniken sowie Überwachungsnetze, die in Echtzeit operieren, tansformieren die modernen Disziplinargesellschaften in Kontrollgesellschaften (Deleuze, 1986) und lassen Banküberfälle wie aus einem vergangenen Epoche stammend erscheinen. Angesichts globalisierter Polizeiarbeit und einer internationalen Kooperation bei der Zielfahndung, die die durchaus realistische Drohung ausspricht, der einmal identifizierten Täter überall auf der Welt habhaft werden zu können, hat ein Banküberfall den Charme eines Himmelfahrtskommandos. Die ausgetretenen Fluchtwege aus der kapitalistischen Gesellschaft wirken blockiert oder perspektivlos, weil das physikalische Entkommen in ein alternatives Territorium immer undenkbarer wird. Gleichzeitig verliert auch der Fetisch Bargeld zusehends an Bedeutung: Anstelle der Fixierung auf das Eigentum geht es in den postmodernen Ökonomien vorrangig um den bloßen "Access", also die Zugangsberechtigung. Und diese gebiert schließlich neue Archetypen sozialer Delinquenz wie den "Hacker" oder den "Schlepper", welche völlig neuartige Fluchtlinien und Fluchttechniken entwickeln müssen.
David Reed: The Circumstantial & the Evident, Jungle World Nr. 5, 27.1.1999
Steele, Sean P: Heists: Swindles, Stickups, and Robberies that shocked th
World. New York 1995
Gwynne, S.C./Hylton, Hilary: Bloodshed in the banks, Time Magazine, 31.3.1997
John R. Sullivan: Die Welt desVerbrechens. 1992
Wiliam Helmer: Public Enemies: America's Criminal Past, 1919-1940. New York 1998
Ulf Gyllenhak: Viel Blut für.... Schwarzer Faden 33/1989
Dieter Schubert: Phänomenologie des Bankraubes. Stuttgart 1972
Franz Császár: Der Überfall auf Geldinstitute. Wien, New York 1975
Joachim Rienhardt: Der Coup. Stern 22.1.1998, Hamburg
Gilles Deleuze: "Post-scriptum sur les sociétés de contrôle" in "Pourparles" Paris, 1990
FLORIAN SCHNEIDER