Meister der Missverstaendnisse

Eingeweihten gilt der Maler, Schriftsteller und Performance-Künstler Brion Gysin als der eigentliche Erfinder der Burroughs'schen Cut-Up-Methode, andere stilisieren ihn gar zur grauen Eminenz der Beat-Generation. Aber in Wirklichkeit war Gysin vor allem eines: ein Meister des Mißverständnisses, jemand, der alles, aber nichts wirklich sein wollte, und dem nichts verhängisvoller erschien als der Erfolg.

Eigentlich war er nach Europa zurückgekommen, um eine wissenschaftliche Arbeit über das Transportsystem des Sklavenhandels zu schreiben. Ausgestattet mit einem Fullbright-Stipendium machte sich der 33-jährige Brion Gysin 1949 wieder einmal auf den Weg von den USA nach Frankreich, wo seine historischen Forschungen beginnen sollten.

Keine leichte Entscheidung, denn eigentlich liebäugelte er mit einer Karriere als Broadway-Autor, eigentlich war er Maler und schon 1935 in Paris an einer Ausstellung der Surrealisten beteiligt, eigentlich hatte er keine wissenschaftliche Ausbildung, sondern war ein unermüdlicher Autodidakt.

"Eigentlich" ist das Codewort zu Gysins Leben und 1949 war einer der vielen Wendepunkte in seiner undurchsichtigen Biographie. Eben hatte er mit seiner "Geschichte der Sklaverei in Kanada" auf sich aufmerksam gemacht. Grundlage war eine Abhandlung über das Leben von Josiah Henson, aller Welt bekannt als "Onkel Tom" aus Hariett Beecher Stowes Erzählung "Onkel Toms Hütte". Gysin hatte dessen Urenkel beim Militärdienst kennengelernt und versuchte den rassistischen Klischees des abolitionistischen Rührstücks die wirkliche, "dreidimensionale" Gestalt des realen "Onkel Tom" entgegenzusetzen. Gysin schrieb an einer Bühnenfassung, doch am selben Tag, an dem er die Zusage vom Broadway erhielt, entschied er sich für Europa und das Stipendium.

"Habe ich richtig gewählt oder nicht? Ich weiß es nicht", sagte Gysin 1982, vier Jahre vor seinem Tod. Seine historischen Forschungen jedenfalls brach Gysin bald wieder ab. Paul Bowles, den er noch aus seiner Studentenzeit an der Sorbonne, Mitte der 30er Jahre kannte, lud ihn 1950 nach Tanger ein. Die nordafrikanische Stadt war damals der wahrscheinlich verruchteste Ort der Welt: Agentenhauptstadt und Schmugglerhochburg, verwaltet von 16 internationalen Mächten. In der "Interzone", deren Status von 1914 herrührte, prallten die Gegensätze der noch neuen Nachweltkriegsordnung unvermittelt aufeinander: sagenumwobene Partyexzesse der Reichsten der Welt und die Vorboten postkolonialer Massenarmut.

Die Stadt auf dem weißen Felsen an der Meerenge von Gibraltar, faszinierte Gysin sofort, und als er bei einem Spaziergang am Meer zufällig eine Gruppe von marokkanischen Musikern traf, kannte er nur einen Gedanken: "Diese Musik will ich für den Rest meines Lebens hören, jeden Tag und rund um die Uhr." Ein ganzes Drittel seines Lebens verbrachte er schließlich in Tanger, und erst eine Krebserkrankung zwang ihn in den 70er Jahren zur endgültigen Übersiedlung nach Paris. Acht Jahre lang führte Gysin in der Altstadt Tangers ein Spezialitätenrestaurant, in dem die "Master Musicians of Jajouka" Abend für Abend Geschäftsleuten und Diplomaten aufspielten, immer wieder unternahm er ausgedehnte Reisen in entlegene Wüstengebiete, bis zu seinem Tod versuchte er aus der unvoreingenommenen Konfrontation mit den häretischen Traditionen der islamischen Kultur seine eigene künstlerische Linie zu entwickeln.

"Ich fühlte mich dort richtig zu Hause, aber eigentlich bin ich in diesen Jahren im Grunde nur so eine Art Pauschal- Tourist gewesen." Die selbstkritische und oft bis zur Selbstzerstörung reichende Attitüde unterscheidet Gysin von seinen beiden besten Freunden, Paul Bowles und William Burroughs. Der eine hat es sich in Tanger bequem eingerichtet, der andere verließ die Stadt entnervt und angewidert. Gysin stürzte sich mitten hinein und wartete zeitlebens vergeblich auf den großen Durchbruch. Wahrscheinlich ist dies der Grund, weshalb er heute umso interessanter erscheint; und wenn es einen gemeinsamen Nenner für seine verschiedenen Arbeiten und Experimente gibt, dann ist es das Bemühen, Grenz- ziehungen zu unterminieren, neue Verbindungslinien im Verborgenen zu ziehen, Menschen und Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, zumindest versuchsweise zusammenzubringen.

"Brion Gysin war ein Glücksritter und Spieler, genau betrachtet war er ein Verrückter. Unter allen Menschen, die ich kannte, gab es keinen amüsanteren als ihn." sagt Paul Bowles über Gysin. Und: "Er war sich selbst der ärgste Feind." Die Liste derer, die sich von Gysin inspirieren ließen, hingegen ist lang: Burroughs machte er mit den Montagetechniken der Dadaisten vertraut, das Resultat waren die berühmten Cut-Ups der 60er Jahre. Brian Jones und Ornette Coleman lockte er zu Aufnahmen in entlegene marokkanische Bergdörfer, mit Steve Lacy und Ramuntcho Matta vertonte er seine "Poésie sonore", Rockmusiker von David Bowie über Iggy Pop bis Genesis P. Orridge baten ihn bis zu seinem Tod 1986 regelmäßig um Audienzen.

Mit seiner "Dream-Machine" glaubte Gysin endlich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht zu haben. Zusammen mit dem Physiker Ian Sommerfield aus Oxford hatte Gysin das "erste Kunstwerk, das man mit geschlossenen Augen betrachtet", geschaffen: ein auf einem Plattenteller rotierender Lampenschirm, in den Muster geschnitten waren und dessen flackerndes Licht beim Betrachter Reflexe auf der Netzhaut auslöste. Doch ähnlich wie bei den Cut-Ups verlor Gysin sehr bald die Lust an einer Ambition, die für die damaligen Verhältnisse vielleicht tatsächlich zu revolutionär angemutet haben mag, heute hingegen nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen würde.

Spätestens in den 80er Jahren vermochten nurmehr hartgesottene Fans in den Cut-Ups ein kreatives Potential und in der Dream-Machine den Vorläufer von "Virtual Reality" erkennen. Bowles, Burroughs und die Beatniks sind längst Bestandteil des literarischen Kanons, und daß Gysin heute neue Aufmerksamkeit erlangt, dürfte auf den ersten Blick verwundern.

Den Anfang machte 1994 die Hamburger Band "Kastrierte Philosophen", die Passagen aus Gysins Roman "The Process" zur Grundlage ihres Konzept- Albums "Soldier" nahmen: Texte, die Gysin seinem 'alter ego', dem in Marokko herumirrenden, ständig kiffenden, homosexuellen, schwarzen Geschichtsprofessor Hanson in den Mund legte. Kathrin Achinger singt dessen Monologe, doppelt damit das Mißverständnis, und dies erschien als die einzige Möglichkeit, sich dem folkloristisch-trashigen Pathos der 60er Jahre anzunähern.

Zu den Dreharbeiten von "Tanger nonstop" traten die "Kastrierten Philosophen" in Tropenkleidung an und schlenderten durch ein Tanger, das außer der Erinnerung nichts mehr mit der sagenumwobenen "Interzone" gemein hat, sondern heute eine Stadt wie jede andere in der "3. Welt" ist, umgeben von einem riesigen Gürtel von Elendsvierteln. Noch weiter außerhalb befinden sich die Freihandels- zonen mit den Klitschen der europäischen Textilindustrie, in denen Frauen aus dem Süden Marokkos für jämmerlichen Akkordlohn Kleider für die Ramschtische nähen. Der Schlußverkauf scheint die verbliebene Perspektive zu sein für eine Stadt, in der mit der Schließung der europäischen Außengrenzen der Drogenhandel zum Erliegen kam, und um die auch der Durchgangsverkehr von Touristen und Flüchtlingen inzwischen einen Bogen macht.

"I'm in Africa - Home" sagt Kathrin Achinger gleich zu Beginn des Films, und von da an weiß niemand mehr so recht, wer von wo aus spricht. Das ist nicht wichtig, denn die Geschichten von Gysins Ex-Liebhaber Hamri, vom Zeremonienmeister in Gysins Restaurant "Tausendundeine Nacht" oder von den Schriftsteller Mohammed Mrabet und Mohamed Choukri geben gar nicht vor, von Gysin zu handeln, sondern spielen sich vielmehr in seiner Nähe ab. Am Ende halten alle den Mund, und ziehen es vor, aus dem Fenster zu schauen.

"Rub out the word!" heißt es bei Gysin, der schrieb, wie wenn er malte, und malte, wie wenn er schrieb. Eine Aufforderung, die heute so gering wie möglich mißzuverstehen ist. Vor einigen Wochen erschienen nun zum ersten Mal Texte von Brion Gysin auf Deutsch. "Umherschweifen. Beute machen" heißt der Band aus dem Pixisverlag, der in nicht chronologischer Reihung Schlüsseltexte und Selbstauskünfte von Brion Gysin beinhaltet: Passagen aus seinem einzigen, auch auf Englisch längst vergriffenen Roman "The Process", Interviewauszüge, Essays und Erzählungen - durchsetzt mit Kalligraphien, einer Obsession, der Gysin, seit er beim Militär ein wenig Japanisch lernte, nachging und die er im 70. Lebensjahr bis zur der Signierung einer 16 Meter langen Leinwand steigerte. Die kleine Sammlung verdeutlicht vor allem: Brion Gysin war zum einen wesentlich vielseitiger als es das Klischee vom "vergessenen Klassiker der Undergroundliteratur" erlaubt, und zum anderen noch viel verrückter, als daß er überhaupt ein Bild von sich machen ließe.

Marcel Beyer nennt seine kleine Hommage an Brion Gysin "Arbeiten auf beweglichem Grund". Der kurze Text ist dem Buch beigelegt und dies bezeugt im gleichen Maße Distanz sowie Respekt vor einem, der zum Plündern in die Welt zog, und dabei immerhin schlau genug war den größten Fehler zu vermeiden: sich selbst zu suchen.

FLORIAN SCHNEIDER