Formate und die Kultur des 21. Jahrhunderts
7 Thesen zur Medienkonvergenz und Formatdifferenzierung
von Till Nikolaus von Heiseler

1. Wir befinden uns an einer Schwelle: Alle Medien der Neuzeit (Buchdruck, Radio, Fernsehen etc.) konvergieren teilweise oder ganz mit dem Computer. Diese Konvergenz, die sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren vollziehen wird, wird unser Leben und Denken grundlegend verändern. Die Umgestaltung wird sowohl die Formen unserer Arbeit als auch die sozialen Strukturen betreffen, die Entwicklung unseres Wissens ebenso wie ökonomische und massenmediale Prozesse. Die conditio humana, die sich durch das Erfinden der Druckpresse in grundlegender Weise verschoben hat, verschiebt sich ein weiteres Mal.
2. Die universelle Medienkonvergenz wird eine Formatdifferenzierung hervorrufen. Dadurch, dass Medien und Formate sich entkoppeln und mit den vernetzten Rechnern neue Produktions- und Distributionsmöglichkeiten entstehen, vervielfältigen sich die Formate. Der großen medientechnischen Vereinheitlichung steht also ein Prozess der Ausdifferenzierung auf Seiten der Formate entgegen; obwohl oder weil der vernetzte Computer zur Universalmaschine wird, wird das neue Regulativ nicht mehr in der Hardware der Medientechnik, sondern in den Formaten liegen.
3. Gesellschaft reproduziert sich in sozialen und medialen Formaten. Formate umfassen, so gesehen, sowohl Gesellschaft als auch alle Formen von Kultur und Kommunikation. Formate und Gesellschaftsstruktur hängen unmittelbar zusammen.
4. Formate bauen die kontingente Überfülle des kommunikativen Angebots in lesbare Vertrautheiten und erwartbare Wahrscheinlichkeiten um. Formate besitzen eine Produktions- und eine Distributionsseite. Auf der Distributionsseite erscheint das Format als Kontext (frame of reference), in dem die nackten Daten einen Sinn bekommen, auf der Produktionsseite stellt das Format einen Regelkanon dar.
5. Könnte man eher bessere gesellschaftliche Strukturen von eher schlechteren unterscheiden und wäre das Verhältnis von Format und Gesellschaftsstruktur bestimmbar, dann wäre es möglich, eher bessere Formate von eher schlechteren zu unterscheiden.
6. Dadurch, dass Formate sich auf einen Regelkanon zurückbauen lassen, sind experimentelle Formate möglich. Der Formatbegriff ermöglicht damit eine Neukonzeption des Zusammenhangs von Theorie und Praxis.
7. Die Theorie der Formate kann zum funktionalen Äquivalent einer politischen Theorie werden, die kein revolutionäres Subjekt und keine Stellvertreteravantgarde mehr benötigt; zu einer Theorie, die Gesellschaft nach dem Verlust des revolutionären Subjekts als veränderbar zu denken wagt, ohne die alten Schemata von Herr und Knecht, rechts und links oder Gut und Böse aufrufen zu müssen. Formattheorie könnte unter den heterarchischen Bedingungen der gesellschaftlichen Zersplitterung, in der Kontrolle und Kommunikation konvergieren - ihre gesellschaftliche Funktion reflektierend -, dezentrale Ansätze hervorbringen und Brüche und Verschiebungen hervorrufen. Wo Kontrolle und Kommunikation konvergieren, fallen politisches Interesse und Epistemologie notwendig zusammen: So hat unser Problem immer zwei Seiten. (Was kann ich erkennen [um zu verändern]? Was kann ich verändern [um zu erkennen]?)
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Das formatLabor Berlin führt am 9. Mai einen Salon im Tesla Klub (Tesla, Klosterstr. 68-70) mit den Medientheoretikern und -praktikern Prof. Dr. Wolfgang Ernst (Leiter des Seminars für Medienwissenschaft, HU), Dr. Stefan Heidenreich (Autor des Buches Flip Flop) und Pit Schultz (Leiter von reboot.fm) zum Thema durch. Im zweiten Teil wird der Theoriefilm "zap! - operative epistemologie durch formatexperimente?" gezeigt werden. tnvh
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