Hoffentlich sind die Ufos human
»Herr K. aus H.« is a bizarre music compilation based on sound documents accidentally found during the clearing out of an appartement somewhere in Germany. Over five years a pensioner commentated the sounds of his neighbours. Musicians from Munich, Cologne and Vienna transformed these comments into noise and melodies. Out now on the so called »Bodensatz« Label in Munich.
Herr K ist aufgewacht und kann nicht mehr einschlafen. Es ist gegen Mitternacht. Herr K drückt die Aufnahmetaste seines Cassettenrekorders. Aus der Wohnung von nebenan dringen dumpfe Stimmen und Musik. Die Tonqualität der Aufnahme ist miserabel, und aus dem Rauschen, Knacksen und Knistern konkrete Geräusche herauszufiltern fast unmöglich. Herr K jedoch ist deutlich zu hören: »Jemand die Treppe runtergelaufen, zweimal gehustet, aber keine Haustür. Erst 20 Minuten später fällt die Tür ins Schloss.« Der Cassettenrekorder wird an-, aus- und wieder angeschaltet. »Es sind Fremde hier.« Mal nuschelt Herr K, mal wirkt seine Stimme hastig und agressiv, dann resigniert. Es sind meist nur kurze Beobachtungen die er festhält, vor jedem Satz Datum und Uhrzeit. Oft liegen Monate zwischen den Aufzeichnungen und am Ende des Neunzig-Minuten-Tapes, am 22. Juli 2001 werden fünf Jahre im Leben des Herrn K verstrichen sein. Ein Rentner, der die Wohnung eines Mietshaus in irgendeiner deutschen Großstadt bewohnt und sich belästigt fühlt. Mit Vorliebe schimpft er über die »unkultivierte heutige Rumsbums Musik. Naja, reden wir nicht drüber, Geschmacksache, aber auch Charakterfrage.« Herr K. ficht einen Kampf aus. Mit wem, wissen und erfahren wir nie, aber der Frontverlauf wird festgehalten: »24.Juli, nicht August, wiederhole, 24.Juli.«
Im August 2002 ist Herr K verstorben und bei der Entrümpelung seiner Wohnung wurde dieses Tape gefunden. Dass die Cassette nicht im Mülleimer, sondern in den Händen eines Möbelpackers landete, der seit Jahren Tondokumente sammelt, ist nur ein Zufall. Bald machte der neue Fund im Freundeskreis des Sammlers die Runde. Wer es zu hören bekommt, den lässt es nicht kalt. Menschen haben teil am Zeugnis, die der, der es abgelegt hat, beargwöhnt bis gefürchtet hätte. Die Freunde des Finders, allesamt Kulturarbeiter und Musiker, sind eines Abends betrunken genug, um auf die Idee zu kommen, dass aus der rein akustisch festgehaltenen, aber alle Sinne des Urhebers beanspruchenden Welt des Herrn K eine Schallplatte werden müßte. Sie erstellten also eine lange Liste von Bands, verschickten Kopien des Tapes und forderten dazu auf, die Aufzeichnungen musikalisch umzusetzen. Gut ein Jahr später erlebt die Audio-Cassette ihr Comeback als CD. Und letztendlich wird auf Umwegen wahr, was Herr K wiederholt prognostizierte: »Eine Kopie geht auch an die Medien.«
Die Welt, um die es geht, war eng - »Eins ist gut: endlich nach Jahren, ein Sicherheitsschloß.« Jetzt wird sie ausgeweitet. »Blockwart« lautet nun der Arbeitstitel der Kompilation, die im März beim Münchner Label »Bodensatz« erscheinen wird. Es ist ein Begriff der von Feuilleton-Experten zusammen mit der Gesellschaft für Deutsche Sprache zwischen »Bikini« und »Bolschewismus« auf die Liste der 100 Wörter des Jahrhunderts gesetzt wurde. Aus der zugehörigen Definition ist zu lernen: »Blockwart - in der Umgangssprache heute ein Schimpfwort, stellvertretend für Schnüffler. Geprägt wurde dieser Ausdruck unter Hitler.« Gemeint sind die untersten NS-Überwachungsorgane, »der Volksmund machte Blockwart daraus. Ein Blockwart hatte 40-60 Haushalte zu überwachen, und das machte ihn wichtig. Er hatte die Aufgaben zu sehen, zu hören und zu melden. Etwa eine Millionen Blockwarte übten ihre Pflicht aus, flächendeckend. Doch nicht immer waren es die Blockwarte, die denunzierten, drei von vier Anzeigen, die bei der Gestapo eingingen, kamen aus dem Kreis der Freunde oder Familie. Das Motiv: persönliche Streitigkeiten - und den Blockwart stempelte man dann zum Sündenbock.« Zuletzt tauchte der Begriff »Blockwart-System« wie »Neighbourhood-Watch« vor der US- Präsidentschaftswahl immer wieder in Zeitungsberichten auf, um auf einen Aspekt der die us-amerikanischen Sicherheitspolitik zu verweisen. Darin ist ein Programm erkannt worden, um die denunziatorischen Energien eifriger Bürger anzustacheln.
»Meistens sind ja Fremde hier, wenn er nicht da ist, und das darf er nicht«, sagt Herr K., über wen auch immer. »Bin gespannt, ob er Schlüssel nachmachen lässt.« Ziepen, Blubbern und Klockern. Track für Track. Bei der Übersetzung von analog zu digital haben die Herrn K. beerbenden Tonfetischisten wochenlang an der Veränderung, Verfeinerung oder Verzerrung der einsamen Stimme gefeilt, Mini-hörspiele inszeniert, mit Rumsbumstechno und Swing gekontert, den Exzess an Daten und Satzpartikel extrahiert und neu arrangiert. Der bedrückend leere Raum, der sich auf dem Originalband ausbreitet, füllt sich hier mit mannigfaltigen anderen Tondokumenten und Geräuschen. Das Ergebnis sind schließlich Stücke mit Titeln wie: »Vermutlich Meier«, »Be part of neighbourhoodwatch«, »Lauter/Leise«, »Analyse du discours«, »Tcm359v: Für die Vögel«, »23.Oktober 1996 - 6.Juli (nicht August!)9 2001«, »Krach durch Musik«, »Versehentlich gelöscht«. Dazwischen immer wieder Originalton-Fragmente des Lauschers und Beobachters: »Damit Sie bescheid wissen und sich das merken.«
Die Antwort der 30 Musiker und Musikerinnen auf die klaustrophobischen Wahrnehmungen des Herrn K lautet folgerichtig: Loop, elektronisch funktionale Schleife. Fast jeder lotet die Bandbreite des elektronischen Minimalismus aus. Das unauffällig Repetetive smarter Clubmusik geht ein politisierend gemeintes Verhältnis ein mit der obsessiven Anhäufung von Daten und den immergleichen Beobachtungen. Die Sätze des Herrn K werden zwar nicht zum Rap, bekommen aber Rhythmus und eine höhere Dringlichkeit. Das von ihm verpönte Zeitgenössische nimmt ihn beim Wort. Daraus wird freilich kein politisches Statement im klassischen Sinne. Es geht eher um die Trost- und Witzlosigkeit der Bespitzelung an sich als um das moralische Entlarven einer Weltverschwörung. Die Künstler arbeiten genau mit dem Material, vermeiden vorschnelle Schlüsse oder den Sprung zur Psychologie. Herr K wird nicht als Kuriosum präsentiert, sondern führt neben seiner Neuinszenierung eine Art Eigenleben. Was bleibt, ist jener schmale Grad zwischen allzu naheliegender Verachtung und so etwas wie Respekt. Punkrock, dem sich alle, die hier mitbearbeitet haben, verpflichtet fühlen, ist in den grob fünfundzwanzig Jahren seines Bestehens nicht erwachsen geworden, hat aber eine neue Ästhetik entwickelt. Die Lücke zwischen dem, was wir hören, und dem, was wir nicht wissen, wird nicht mehr gekittet: »Fremder hier, mit Schlüssel.«
Die Intimität an der wir hier teilhaben, ist eine wechselseitig imaginäre und nicht der einseitige Blick durchs Schlüsselloch. Herr K inszeniert sich für die Nachwelt ja vor einem phantastischen Publikum. Er denkt sich eine Richter-Riege, vor der er erfolgreich seinen Prozess gegen Lärmbelästigung führt und Anerkennung vom Vermieter erfährt. Gleichzeitig erzählen seine Stimme, Intonation und Satzbau unfreiwillig und indirekt von einer ganz anderen Realität. Wir sind allein mit einem Mann und seinem Aufnahmegerät. Wir werden virtuell in ein Wohnzimmer gebeamt, das uns eigentlich nichts angeht und bekommen doch wenig Fakten. Wir werden nicht Zeugen eines Lauschangriffs, erfahren weder Geheimnisse noch intime Geständnisse, sind nicht auf den Spuren eines Verbrechens, sondern inmitten einer beliebigen Mietshaushölle gelandet: unsichtbarer Kleinkrieg zwischen vermeintlich geschützten Privaträumen, Wand an Wand, wo jedes Geräusch durch billges Gemäuer dringt und empfindliche Gemüter in den Wahnsinn treibt: »15. März 1998: Unterhaltung, drei Personen, aber leise, kein Geräusch. Ganz was neues.«
Herr K ist nicht einfach ein Möchtegern-Spitzel. Seine Stimmung kippt zwischen kleinbürgerlichem Ordnungsfetischismus und melancholischem Weltschmerz. Was 1996 anfängt wie der Bericht eines verbiesterten Menschenfeinds an den Vermieter, endet mit wüsten Beschimpfungen auf selbigen und einem Abgesang auf Deutschland und die Welt im allgemeinen. Man meint Herrn K vor sich zu sehen, wie er den ganzen Tag am Fenster halb vom Vorhang verdeckt die Strasse bewacht und bemerkt: »neuer Fremder gekommen, schwarz, Wuschelkopf«. Und weiß: »ein Mensch kann mehr Zirkus veranstalten, als ne ganze Armee islamischer Fundamentalisten«. Und folgert: »Ergo, Punkt, Punkt, Punkt, Quintessenz und Fragezeichen.« Nach und nach erfahren wir, dass der Vermieter sich einen Dreck um das Haus schert und der anfangs imaginär Verbündete wird selbst zum Feind.
So treibt Herr K seine Enttäuschung noch einen Schritt weiter: »Deutschland ist auf dem absteigenden Ast. Die Welt geht zu Ende, Wasser, Bäume, weil die Menschen einfach nicht vernünftig handeln können. Da ist nichts Humanes mehr.« Um sich schließlich einen Ort zu träumen, der jenseits des irdischen Trübsinns liegt und über dessen Rettungsversprechen sich Herr K. nicht sicher ist: »Hoffentlich sind die Ufos human.«
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